Legal Tech-Spezialist

Vom Anwalt zum Legal Tech-Spezialisten

So gelingt der Einstieg in Legal Tech

Junge Anwältinnen und Anwälte haben heute mehr Möglichkeiten sich zu spezialisieren, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Technisch versierte Berufseinsteiger:innen können sich beispielsweise durch die Aneignung von Legal Tech-Wissen auch außerhalb ihres juristischen Fachbereiches weiterbilden und sich so von anderen Anwälten und Anwältinnen abheben. Doch wie läuft dies in der Praxis ab? Welche Möglichkeiten gibt es? Um diese Fragen zu beantworten, hat sich ein Spezialist in diesem Bereich – Alexander Barynskyy, Rechtsanwalt in einer internationalen Kanzlei – bereit erklärt, aus der Praxis zu berichten.

Möglichkeiten des Einstiegs

Wie in jedem anderen Bereich, gibt es auch im Bereich Legal Tech verschiedene Einstiegsmöglichkeiten. Während Digitalisierungsthemen in der klassischen Juristenausbildung eine eher untergeordnete Rolle spielen, nimmt der Bedarf in der Praxis stetig zu.

Pia Nicklas: Wie bist du nach deinem Staatsexamen dazu gekommen, dich im Bereich Legal Tech zu spezialisieren?

Alexander Barynskyy: Mein aktueller Arbeitgeber war im Jahr 2021 dabei, ein Legal Tech-Team aufzubauen und der Partner, dem ich bereits im Referendariat zugearbeitet und für sein Team diverse juristisch nutzbare Tools entwickelt hatte, hat mich hier entsprechend empfohlen. Das Interesse an Tech-Themen war schon damals vorhanden. So kam es dazu, dass ich als Rechtsanwalt im Legal Tech-Bereich nach Abschluss des Zweiten Staatsexamens direkt einsteigen konnte. Legal Tech war dabei allerdings nur ein Standbein. Ein weiterer Schwerpunkt befand und befindet sich auch heute im Bereich M&A.

Was sind genau deine Aufgaben?

Auf der einen Seite gibt es das ganz normale M&A-Geschäft mit der Betreuung von nationalen und internationalen Mandantinnen und Mandanten im Bereich Share und Asset Deals, Unternehmensgründungen etc. und auf der anderen Seite eben der Bereich Legal Tech. Hier wende ich das im M&A-Geschäft erworbene juristische Fachwissen auf Legal Tech-Projekte an. Dies ermöglicht es, auch mit juristisch nicht ausgebildeten Softwareentwicklern bestimmte Tools aufzusetzen, die dann im M&A-Geschäft einsetzbar sind. Auch führe ich die datenschutzrechtliche Evaluation dieser Projekte durch oder lasse sie durchführen. Für die Zusammenarbeit mit externen Kanzleien und Dienstleistern führe ich ferner erste mandatsbezogene Risk Assessments hinsichtlich der Nutzbarkeit eigen- oder fremdentwickelter Software durch. Zudem baue ich Softwarekonzepte und Rollenmanagementsysteme auf, um die Effizienz des Softwareeinsatzes im juristischen Bereich zu steigern.

Ein weiteres sehr wesentliches Thema ist das Change Management, das im Bereich Legal Tech im Grunde immer ein wiederkehrendes Thema ist. Hierbei geht es darum, wie man sauber neue Prozesse oder neue Software ausrollen kann.

Und schließlich führe ich auch Legal Tech-Schulungen für die Belegschaft der Kanzlei durch.

Hattest du bereits während Studium und Referendariat Berührungspunkte in diesem Bereich?

Bereits im Jahr 2012 konnte ich als Werkstudent das erste Mal im Bereich Macro-Programmierung Fuß fassen. Hier konnte ich mir mit Hilfe eines Lehrbuchs selbständig Wissen aneignen und anschließend kleinere Macros für das Offer&Order-Management schreiben. Im Jahr 2016 habe ich dann das erworbene Macro-Wissen dann im juristischen Bereich ausgebaut, erstmalig bereits hier im Bereich M&A.

Es ging hier beispielsweise darum, kleinere Rechtsdokumente wie Anwaltsvollmachten oder auch NDAs zu automatisieren und auch sonstige Formulare zu erstellen, nach deren Befüllung die Informationen automatisch an richtiger Stelle im jeweiligen Dokument eingespielt werden.

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Welche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es?

Mittlerweile gibt es sowohl zahlreiche Fort- und Weiterbildungen, als auch komplette Studiengänge im Bereich Legal Tech, die solches Wissen vermitteln. Welche Tiefe für die jeweilige Tätigkeit notwendig und auch sinnvoll ist, variiert individuell sehr stark. Während Fort- und Weiterbildungen einzelne Themenbereiche komprimiert behandeln, ist ein Studiengang – oft mit dem Abschluss des Master of Laws (LL.M.) – natürlich wesentlich tiefgehender und breitgefächerter und schließt zudem mit einem Titel ab.

Pia Nicklas: Hast du eine Ausbildung absolviert oder dir dein Legal Tech-Wissen selbst angeeignet?

Alexander Barynskyy: Zusätzlich zu den Erfahrungen und der selbständigen Einarbeitung aus zehn Jahren Macro-Programmierung habe ich nach meinem Einstieg als Rechtsanwalt berufsbegleitend ein LL.M.-Studium für den speziellen Bereich Legal Tech an der Universität in Regensburg absolviert. Deshalb darf ich auch zusätzlich den Titel LL.M. Legal-Tech führen.

Was war Inhalt deiner Ausbildung?

Das Studium ist modular aufgebaut und teilt sich in einerseits rechtliche und andererseits technische Abschnitte auf. Im Bereich Law ging es vor allem um Digital Law, hier insbesondere um die Grundlagen des IT- und IP-Rechts, letzteres insbesondere im Datenschutzrecht, aber auch um die faktischen Anwendungsweisen juristisch nutzbarer Software in der Arbeitspraxis.

Auf der technischen Seite ging es um die Einführung in die Softwareentwicklung und Programmierung. Hier brachte ich, wie zuvor erwähnt, auch selbst schon einige Arbeitserfahrung mit. Zusätzlich ging es um Grundlagen der Kryptographie. Als Beispiel ist hier das beA und dessen elektronische Signaturen zu nennen, dessen technische Funktionsweise grundsätzlich auf Regeln der Kryptographie basiert. Weitere Themen waren Blockchain sowie KI, Visual Computing, Data Science oder auch Big Data. Gerade Big Data ist im Bereich der Masseverfahren, die seit den VW-Verfahren einen immensen Aufschwung erleben, hoch relevant für die juristische Arbeitspraxis.

War es gut möglich, die Ausbildung nebenberuflich zu absolvieren? 

Die Ausbildung fand als Präsenzveranstaltung einmal im Monat von Donnerstag bis Samstag blockweise mit entsprechenden Abschlussklausuren nach jedem Block statt. Im Übrigen musste man sich die Inhalte im Selbststudium aneignen. Insofern konnte man das Studium gut neben dem Beruf durchführen, musste jedoch, wie bei jeder berufsbegleitenden Fortbildung, auch den Willen mitbringen, nach Abschluss des normalen Tagesgeschäfts noch Zeit für das Selbststudium zu investieren.

Inwieweit hat dich dein Arbeitgeber bei der Ausbildung und auch generell unterstützt?

Ich habe das Studium zwar aus Eigeninitiative heraus absolviert, aber mich selbstverständlich dennoch mit meinem Arbeitgeber dahingehend abgestimmt. Außerdem hat mein Arbeitgeber auch einen Teil der Studiengebühren gezahlt. Der Bereich M&A hat den Vorteil, dass die Arbeitsauslastung sehr unterschiedlich ist. Ein Monat mag zwar beispielsweise wahnsinnig vereinnahmend sein, während im nächsten Monat aufgrund der Projektlage wieder weniger zu tun ist. In diesen Zeiten konnte ich mich dann auf das Studium konzentrieren. Zusätzlich hatte ich aber auch den Freiraum, abends zu lernen.

Ist es deiner Meinung nach zwingend notwendig, eine Zusatzausbildung zu absolvieren, um in diesem Bereich arbeiten zu können?

Man kann sich die Inhalte zwar auf jeden Fall in Eigenregie aneignen. Die zusätzliche Ausbildung ist auch keine Anforderung für den Einstieg in den Legal Tech-Bereich. Wichtig ist hier in erster Linie das persönliche Interesse an dem Bereich Digitalisierung und das Interesse, sich gerade fachfremd einzuarbeiten.

Jedoch muss man ganz klar sagen, dass das Studium einem bei der Einarbeitung in das Thema hilft. Außerdem ist ein schriftlicher Nachweis der eigenen Fähigkeiten immer von Vorteil. Ich würde tatsächlich jedem, der sich im Bereich Legal Tech weiterentwickeln möchte, empfehlen, einen LL.M. in diesem Bereich abzuschließen.

Die entsprechenden Kurse können nämlich teilweise für den Fachanwaltslehrgang für IT-Recht, Recht des gewerblichen Rechtsschutzes oder für das Urheber- und Medienrecht von der jeweiligen Rechtsanwaltskammer anerkannt werden. Man spart sich, sofern ein dahingehendes Interesse besteht, auf diese Weise Zeit bei der Fachanwaltsausbildung.

Wann ist eine Karriere im Bereich Legal Tech sinnvoll?

Viele Berufseinsteiger:innen sind möglicherweise noch unsicher, ob eine Karriere im Bereich Legal Tech für sie in Betracht kommt und ob dieser Bereich überhaupt eine Zukunft hat. Immerhin investiert man einiges, um überhaupt erst einmal Fuß zu fassen.

Pia Nicklas: Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, um eine Legal Tech Karriere anzustreben?

Alexander Barynskyy: Das Interesse an Themen der Digitalisierung sollte einerseits vorhanden sein, andererseits aber eben auch der Wille, sich in fachfremde Themen – eben Tech-Themen – einzuarbeiten und über den juristischen Tellerrand hinauszuschauen.

Hat der Bereich deiner Meinung nach eine Zukunft?

Absolut. Meines Erachtens hat allein der Bereich Künstliche Intelligenz eine so disruptive Wirkung auf die Berufswelt erzielt, wie es sie seit dem Smartphone nicht mehr gegeben hat. Auch durch die KI-Verordnung, welche neben den bereits bestehenden datenschutzrechtlichen Themen weitere Regularien schaffen wird, entstehen vermutlich ganz neue Rechtsgebiete. Das Entwicklungspotenzial ist somit hoch.

Was ich jedoch nicht glaube ist, dass die Anwaltsschaft als Ganzes abgelöst werden kann. Die Regeln der Auslegung und die darin auch Einfluss nehmenden gesellschaftlichen Moralvorstellungen sind zwar etwas, womit man theoretisch auch die KI trainieren könnte, praktisch ist dies aber aufgrund der schieren Datenmenge, die man dafür theoretisch erheben und labeln müsste, nicht realisierbar.

Als kleine Anekdote führe ich hier immer gern ein Urteil an, bei dem ein über hundert Seiten langer Schriftsatz komplett durch KI generiert wurde. Dieser hatte jedoch leider nichts oder zumindest nur peripher mit dem Sachverhalt zu tun und wurde sodann als unschlüssig bewertet. Ein schönes Beispiel, wie man KI nicht verwenden sollte.

Legal Tech-Magazin für Einsteiger und Fortgeschrittene

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Pia Nicklas hat Rechtswissenschaften in Bayreuth und Wirtschaftsrecht an der Fernuniversität Hagen studiert. Sie arbeitete erst als Werkstudentin und nach Ihrem Abschluss als Wirtschaftsjuristin im Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Nach einem kurzen Ausflug in die Kanzleiwelt und in ein großes Wirtschaftsunternehmen, ist sie seit Anfang 2020 als freiberufliche Fachtexterin im juristischen Bereich tätig.

Alexander Barynskyy berät als Rechtsanwalt nationale und internationale Unternehmen insbesondere in den Bereichen Mergers & Acquisitions, Gründungen und laufende Betreuung von Kapital- und Personengesellschaften, Joint Ventures und Gesellschafterstreitigkeiten. Auf Basis seiner Expertise als LL.M. Legal Tech implementiert er neue Technologien zur Digitalisierung und Beschleunigung juristischer Arbeitsabläufe und optimiert bestehende Prozesse an die Entwicklungen des Technologie- und Rechtsmarkts.

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