Das kennen Sie bestimmt auch aus Ihrem Berufsalltag: Sie suchen nach einem Urteil oder einer Gerichtsentscheidung und finden in der Datenbank kein passendes Ergebnis. Oder Sie müssen viel Text lesen, bis Sie erkennen, welche Passagen für Ihren aktuellen Fall wirklich relevant sind. Das kostet Zeit und oft auch Nerven. Aber was wäre, wenn die juristische Recherche durch eine KI-Assistenz erleichtert und damit beschleunigt werden könnte? Genau das wird von einigen Anbietern bereits auf unterschiedliche Weise umgesetzt. Die Idealvorstellung: Eine Frage an den Chatbot und das passende Ergebnis liegt vor.
Wieso ist Künstliche Intelligenz gerade in der juristischen Recherche schon so gut einsetzbar?
Dass immer mehr Anbieter von juristischen Recherche-Tools Künstliche Intelligenz (KI) in ihre Anwendungen integrieren, hat einen guten Grund: Sogenannte Sprachmodelle (auch Large Language Models) wie z. B. ChatGPT eignen sich hervorragend, um große Wissensmengen zu verarbeiten, zu sortieren und aufzubereiten – und das in Sekundenschnelle. Zusätzlich kann die Suchfunktion der Datenbanken mit der neuen Technologie verbessert werden: Ein großer Vorteil der Sprachmodelle ist, dass diese ganze Satzzusammenhänge verstehen. Das heißt, anstelle nach passenden Stichwörtern zu suchen, können Anwender:innen in Form eines Chatbots direkt Fragen „an die Datenbank“ stellen und so passende Antworten generieren lassen. Und nicht nur das, mit dem Chatbot können auch Gespräche geführt und durch kluge Prompts und geschicktes Nachhaken die Ergebnisse weiter verbessert werden. Die Stichwortsuche wird somit obsolet. Das bietet viele neue Möglichkeiten für die juristische Recherche, die auch die Datenbankanbieter erkannt haben.
Kein Halluzinieren und höhere Datensicherheit
Zwei Probleme, die gegen den Einsatz von ChatGPT im professionellen Kontext sprechen, sind der mangelnde Datenschutz und die Tendenz des Chatbots, Fakten zu erfinden (sog. Halluzinieren). Die Lösung besteht darin, dass zum einen die Sprachmodelle nur mit Informationen aus der Datenbank trainiert werden und zum anderen die Software auf einem sicheren Server gehostet wird, der keine Informationen an OpenAI (Entwickler von ChatGPT) weitergibt.
KI in der juristischen Recherche: Fünf Tools für Kanzleien
Der folgende Teil des Beitrags stellt Ihnen fünf Recherche-Tools vor, die Künstliche Intelligenz bereits verwenden, um die juristische Recherche zu verbessern.
1. Wolters Kluwer GPT-Zusammenfassungen: Schneller zur passenden Entscheidung
Für die Nutzer:innen der Datenbank Wolters Kluwer Online bietet die neue Funktion GPT-Zusammenfassungen die Möglichkeit, Rechtsdokumente von einer Künstlichen Intelligenz zusammenfassen zu lassen, anstatt sie selbst zu lesen. Ziel dieser Funktion ist es, den Rechercheprozess für die Nutzer und Nutzerinnen zu verkürzen.
„Die GPT-Zusammenfassungen bieten bspw. Anwältinnen und Anwälten eine schnelle und effiziente Möglichkeit, den Inhalt von Urteilen und Beschlüssen zu erfassen. Im Gegensatz zum Leitsatz, der nur einen Teil der Entscheidung wiedergibt, fasst GPT die gerichtliche Entscheidung als Ganzes zusammen, einschließlich des Sachverhalts und des Verfahrensgangs.“
– Dirk Schrameyer, Wolters Kluwer Online
Was sind die Vorteile des Tools? Die GPT-Zusammenfassungen versprechen eine schnelle Erfassung des Inhalts von Gerichtsentscheidungen. Dadurch können Entscheidungen schneller inhaltlich bewertet und die für den jeweiligen Sachverhalt relevanten Entscheidungen identifiziert werden.
Was kostet das Tool? Um GPT-Zusammenfassungen nutzen zu können, benötigen Nutzer:innen lediglich einen kostenlosen Zugang auf Wolters Kluwer Online.
2. Beck-chat: Rechtsfragen an die Datenbank stellen
beck-chat ist die KI-Funktion der Online-Datenbank Beck Online, der juristische Fachfragen auf Grundlage der Inhalte der Datenbank beantwortet.
Was sind die Vorteile des Tools? Mit der KI-Funktion beck-chat ist es möglich, im Dialog mit einem Chatbot Rechtsfragen an die Datenbank zu stellen. In den Antworten des Chatbots werden auch die Fundstellen der verwendeten Inhalte angezeigt werden, so dass auf einfache Weise zur entsprechenden Fundstelle gewechselt werden kann.
Mehr zu den Funktionen von beck-chat lesen Sie auch in unserem Interview mit Dr. Dr. Oliver Hofmann.
Was kostet das Tool? Der beck-chat umfasst aktuell die wesentlichen Inhalte aus den Modulen Zivilrecht PREMIUM, Arbeitsrecht PREMIUM, Miet- und WEG-Recht PREMIUM. Der beck-chat ist bereits im jeweiligen Modulpreis enthalten. Darüber hinaus fallen keine weiteren Kosten an.
Das aktuelle Legal Tech-Magazin: KI vor Gericht
Künstliche Intelligenz prägt zunehmend unseren Alltag – und sorgt für neue rechtliche Fragestellungen, die die Gerichte beschäftigen. Dürfen z. B. Social Media-Plattformen personenbezogene Daten für das KI-Training verwenden? Kann Künstliche Intelligenz ein Erfinder sein?
Diese und weitere Beiträge finden Sie im aktuellen Legal Tech-Magazin.
3. Otto Schmidt Answers:
Otto Schmidt Answers ermöglicht die gezielte Beantwortung von steuer- und arbeitsrechtlichen Fragen. Die KI liefert Antworten basierend auf Fachliteratur von Otto Schmidt, inklusive direkter Quellenverweise. Das Tool wurde in Kooperation mit dem Softwareentwickler Taxy.io entwickelt und ist bereits in einigen Modulen erhältlich.
Was sind die Vorteile des Tools?
Otto Schmidt Answers antwortet in Sekundenschnelle und stellt zudem sicher, dass die Antworten nicht nur auf einem einzigen Quelltext beruhen, sondern auf einer Vielzahl von relevanten Quellen.
Was kostet das Tool?
Otto Schmidt Answers kann zu jedem KI-fähigen Modul für einen Aufpreis von 79 Euro (zzgl. Mehrwehrtsteuer) hinzugebucht werden. Die KI kann vier Wochen kostenlos getestet werden.
4. Anita.Legal: Gerichtsentscheidungen mit Legal Analytics auswerten
Anita.Legal ist ein deutsches Legal Tech Start-up, das sogenannte Legal Analytics anbietet. Legal Analytics sind statistische Auswertungen von juristischen Daten. Dabei konzentriert sich das Start-up (ehemals iur.crowd) derzeit auf die Anonymisierung, das Teilen und die Analyse von Gerichtsentscheidungen. Auf Grundlage von Datenauswertungen werden Fragen beantwortet wie: „Wie oft haben Richter:innen in der Vergangenheit mit welchem Ausgang geurteilt?“, „Welche Mietminderungshöhe ist für meinen Fall realistisch?“ oder „Welche Argumente kommen in welchen Kontexten wie häufig vor?“.
Was sind die Vorteile des Tools? Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte können mit Anita.Legal ihre Dienstleistungen erweitern, indem sie die Erfahrungswerte von Spruchkörpern in Hinblick auf eine bestimmte Thematik kennen und zahlenbasiert überprüfen können.
„Wir machen es möglich, dass Anwält:innen Gerichtsentscheidungen zum einen schneller und zum anderen informationsreicher erhalten. So können sie beispielsweise nach Antrag, Verfahrensausgang, Sachverhalt und rechtlicher Fragestellung suchen und auf Knopfdruck die in diesem Kontext relevanten Argumente für ihren Schriftsatz erhalten.“
– Frederik Tholey und Til Bußmann, Anita.Legal
Was kostet das Tool? Anita.Legal kostet maximal 30 Euro pro Monat pro Nutzende:r und kann unverbindlich getestet werden.
5. LEX AI: Der KI-gesteuerter Newsfeed
Die Recherche-Plattform LexAI bietet einen ständig aktualisierten, KI-gesteuerten Newsfeed, der Gesetzesänderungen und rechtliche Entwicklungen aus über 300 legislativen Quellen weltweit abdeckt.
Was sind die Vorteile des Tools? Nutzer:innen können leistungsstarke Filter einsetzen und Benachrichtigungen erhalten, die auf spezifischen rechtlichen Interessengebieten basieren, um keine relevanten Änderungen zu verpassen. Das Tool bietet außerdem KI-generierte Zusammenfassungen der neusten rechtlichen Entwicklungen an sowie Links zu den Originalquellen.
Was kostet das Tool? Die Rechercheplattform kann zwei Wochen lang kostenlos getestet werden. Die Preise beginnen bei neun Euro pro Monat.
Fazit
In der juristischen Recherche kann Künstliche Intelligenz tatsächlich schon konkrete Vorteile im Arbeitsalltag bringen. Die oben vorgestellten Tools machen deutlich, dass sich hier eine Menge tut. Die Zeichen stehen gut, dass sich die juristische Recherche in naher Zukunft um einiges leichter gestalten wird. Welche Tools sich letztendlich durchsetzen werden, bleibt aber abzuwarten.
Bild: Adobe Stock/©jackhermiony
Verena Schillmöller ist beim FFI-Verlag in den Bereichen Produktmanagement und Redaktion tätig. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Bereich Legal Tech.







