Das Buzzword des Jahres 2024 war auch in der Legal Tech-Branche „Künstliche Intelligenz“ – es herrschte fast schon eine Atmosphäre der KI-Euphorie. Doch war diese Begeisterung gerechtfertigt, oder machte sich auch schon erste Ernüchterung breit? Im Gespräch mit Stefan Schicker, Innovationsberater und Vorstandsvorsitzender des Legal Tech Verbands Deutschland, beleuchten wir die Fortschritte und Stolpersteine des vergangenen Jahres, werfen einen Blick auf die Legal Tech-Trends in 2025 – und verraten, auf welche Technologien und Strategien Kanzleien setzen sollten, um entscheidende Wettbewerbsvorteile zu erzielen.
Stefan, wie hast du das Jahr 2024 aus Legal Tech-Perspektive wahrgenommen?
Im Jahr 2024 war Künstliche Intelligenz das zentrale Thema im Legal Tech-Bereich – aber nicht unbedingt, weil sie bereits überall erfolgreich integriert wurde. Vielmehr stand die Branche vor einer paradoxen Situation: Der Bedarf und das Interesse an KI waren enorm, doch viele Kanzleien und Rechtsabteilungen wussten noch nicht genau, wie sie die Technologie sinnvoll einsetzen können.
Ein großes Problem war die Erwartungshaltung. Viele erhofften sich von KI nicht nur eine technische Unterstützung, sondern auch eine inhaltliche Kompetenz – also eine Art juristischen Problemlöser, der komplexe rechtliche Fragestellungen eigenständig bearbeitet. Doch genau hier stieß die Technologie an ihre Grenzen. Die KI-gestützten Lösungen konnten zwar effizient Texte zusammenfassen, Verträge durchsuchen oder Muster in Daten erkennen, aber oft fehlte es an juristischem Tiefgang. Die Antworten waren inhaltlich oft nicht präzise genug, um den hohen Ansprüchen der Rechtsbranche gerecht zu werden.
Doch es gab auch Kanzleien und Unternehmen, die den richtigen Ansatz verfolgten: Sie betrachteten KI nicht als „fertigen Rechtsberater“, sondern als Basistechnologie, die erst durch gezielte Anpassung und Training ihr Potenzial entfalten kann. Wer frühzeitig begann, sein Team in der Arbeit mit KI zu schulen und klare Einsatzbereiche zu definieren – etwa in der automatisierten Dokumentenprüfung oder Mandatsannahme – hatte 2024 einen klaren Vorsprung. Diese Vorreiter erkannten, dass nicht die Technologie allein den Unterschied macht, sondern die Fähigkeit, sie strategisch in die Arbeitsprozesse zu integrieren.
Einige Tools verschwanden vom Markt, vor allem weil die zugrundeliegenden KI-Modelle selbst immer besser wurden und die „aufgesetzten“ Tools damit obsolet machten.
Immer mehr Legal Tech-Anbieter integrieren Künstliche Intelligenz in ihre Lösungen, z. B. in Kanzleisoftware oder in Anwendungen zur Mandatsannahme. Wie bewertest du hier die Entwicklung und den Einsatz von KI in der deutschen Anwaltschaft?
2024 war das Jahr der KI-Euphorie – aber auch der Ernüchterung. Viele Legal Tech-Anbieter integrierten KI in ihre Lösungen, von automatisierten Vertragsanalysen bis hin zu Chatbots für juristische Anfragen. Doch in der Praxis zeigte sich schnell: KI liefert oft schnelle, aber nicht immer belastbare Antworten. Juristische Präzision und die Fähigkeit zur differenzierten Rechtsauslegung lassen sich nicht einfach durch Algorithmen ersetzen. Sie wird jedoch durch Algorithmen gewinnbringend ergänzt.
Die deutsche Anwaltschaft begegnete dieser Entwicklung mit Zurückhaltung. Datenschutzbedenken, Haftungsfragen und die begrenzte Verlässlichkeit der Modelle führten dazu, dass viele Kanzleien zwar experimentierten, aber selten voll auf KI setzten. Gleichzeitig gab es erste Erfolge: Besonders im Bereich der Dokumentenautomatisierung und der Rechercheoptimierung konnte KI bereits spürbare Effizienzgewinne bringen.
Letztlich war 2024 ein Jahr des Testens und Abwägens. Während einige Kanzleien KI gezielt in ihre Prozesse einbauten, blieb der breite Durchbruch aus – auch, weil der rechtliche Rahmen noch unklar ist. 2025 wird sich zeigen, ob die Anwaltschaft den Sprung von der vorsichtigen Annäherung zur echten Integration wagt.

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2024 wurde auf Initiative des Legal Tech Verbands erstmals der deutsche Legal Tech-Markt durch den Legal Tech Monitor analysiert. Die Studie betont das dynamische Wachstum der Branche, verweist jedoch auch auf einige Herausforderungen, vor denen die Akteure stehen. Welche dieser Herausforderungen sollten im nächsten Jahr dringend angegangen werden?
Der Legal Tech Monitor wurde im Jahr 2024 entwickelt und Anfang 2025 erstmals veröffentlicht und vorgestellt. Er hat mehrere zentrale Herausforderungen identifiziert, die für die Weiterentwicklung der Branche von Bedeutung sind und angegangen werden sollten.
Die erste Herausforderung sind die verlängerten Verkaufsprozesse und komplexen Implementierungsphasen, mit denen sich viele Legal Tech-Anbieter konfrontiert sehen. Das erschwert die Marktdurchdringung.
Weiter werden strenge regulatorische Vorgaben, insbesondere das Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG), das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) sowie die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) und der EU AI Act, als innovationshemmend wahrgenommen.
Die Gewinnung qualifizierter Fachkräfte stellt eine weitere Herausforderung dar. Besonders die Justiz und kleinere Rechtsabteilungen sind betroffen, während Legal Tech-Unternehmen durch moderne Arbeitsmodelle erfolgreicher rekrutieren. Eine interdisziplinäre Ausbildung wird als Schlüssel zur Ausbildung von Fachkräften für die Digitalisierung des Rechtsmarkts angesehen.
Gibt es politische Maßnahmen zur Förderung der Digitalisierung in der Rechtsbranche, die die neue Regierung 2025 umsetzen sollte?
Damit Legal Tech sein volles Potenzial entfalten kann, braucht es klare politische Weichenstellungen. Die Regierung sollte gezielt Maßnahmen ergreifen, um Innovationshemmnisse abzubauen und die Digitalisierung der Rechtsbranche aktiv zu fördern. Dazu gehören zum Beispiel:
- Regulatorische Klarheit schaffen: Das Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG), die BRAO und andere Vorschriften müssen an die digitale Realität angepasst werden, um Innovationen – vor allem bei Kanzleien – nicht auszubremsen. Gleichzeitig braucht es klare Regeln für den Einsatz von KI in der Justiz, ohne diesen völlig auszubremsen.
- IT-Infrastruktur modernisieren: Gerichte und Behörden benötigen dringend eine einheitliche, leistungsfähige digitale Infrastruktur, die einen reibungslosen Datenaustausch und effizientere Verfahren ermöglicht. Wir durften als Legal Tech Verband 2024 aktiv an der ZPO-Reformkommission mitarbeiten, die gerade letzte Woche ihren Abschlussbericht mit vielen, ganz konkreten Handlungsempfehlungen vorgelegt hat.
- Finanzielle Anreize für Innovationen: Speziell auf Legal Tech-Unternehmen zugeschnittene Förderprogramme und Investitionsanreize für Legal Tech-Startups würden dazu beitragen, neue Technologien schneller in die Praxis zu bringen. Aber auch Kanzleien haben durch den rasanten technologischen Fortschritt einen erhöhten Finanzbedarf. Aus Sicht des Legal Tech Verbands sollte daher das Fremdbesitzverbot für Kanzleien schnellstmöglich aufgehoben werden.
- Interdisziplinäre Ausbildung stärken: Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sollten juristische und technische Kompetenzen bereits in der Ausbildung stärker verknüpft werden. Es entstehen aktuell immer mehr Angebote im Bereich Legal Tech, wie etwa Masterstudiengänge, das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Aber auch das „klassische“ Jurastudium sollte auf die neuen Anforderungen am Rechtsmarkt reagieren.
Was werden deiner Meinung nach die wichtigsten „Legal Tech-Trends“ in 2025?
2025 wird das Jahr, in dem Legal Tech nicht nur als „Zusatz“ gesehen wird, sondern in dem sich die Art, wie Rechtsdienstleistungen erbracht werden, grundlegend verändert. Kanzleien, die KI und Automatisierung strategisch einsetzen, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben.
Agentische KI übernimmt z. B. zunehmend komplexere Aufgaben. Während KI bisher vor allem als Assistenztechnologie eingesetzt wurde, entwickeln sich agentische KI-Systeme eigenständig weiter – also KI, die nicht nur Antworten liefert, sondern selbstständig Aufgaben erledigt und bei der mehrere KI-Agenten abgestimmt zusammenwirken. Kanzleien und Rechtsabteilungen testen erste Systeme, die eigenständig Verträge prüfen, Fristen überwachen oder Anträge vorbereiten. Der Mensch bleibt in der Kontrolle und Verantwortung, aber die KI agiert zunehmend proaktiv.
Zudem wird KI in Kanzleien vom Experiment zur festen Arbeitsroutine: Viele Kanzleien haben 2024 mit KI experimentiert – 2025 wird sie fest in den Arbeitsalltag integriert. Generative KI unterstützt nicht nur die Recherche und Dokumentenerstellung, sondern hilft auch bei strategischen Entscheidungen, indem sie Risiken bewertet oder Vertragsklauseln vorschlägt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Mandantenerlebnis, das zunehmend in den Fokus rückt. Mandantinnen und Mandanten erwarten immer häufiger digitale Services. Legal Tech wird genutzt, um Mandantenportale zu optimieren, schnellere Antworten zu liefern und Self-Service-Angebote zu ermöglichen. Smarte Dokumentengenerierung und interaktive KI-Beratung sind auf dem Vormarsch.
Auch neue Preismodelle und effizientere Workflows werden an Bedeutung gewinnen. Durch KI-gestützte Automatisierung und effizientere Abläufe entstehen neue Abrechnungsmodelle. Kanzleien denken verstärkt über nutzungsbasierte Abrechnung oder KI-gestützte Beratungsflatrates nach. Die Kosten für Routinearbeiten sinken, wodurch mehr Zeit für komplexe, wertschöpfende Mandate bleibt.
Zum Abschluss: Was war dein persönliches Legal Tech-Highlight aus dem Jahr 2024, worauf freust du dich in 2025?
2024 war ein Jahr voller spannender Entwicklungen im Legal Tech-Bereich. Ein persönliches Highlight war meine Wahl in den Vorstand des Legal Tech Verbands Deutschland. In dieser Funktion freue ich mich darauf, die Digitalisierung und Innovation im deutschen Rechtsmarkt aktiv mitzugestalten
Für 2025 blicke ich gespannt auf die weiteren Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz und deren Integration in juristische Arbeitsprozesse. Es wird interessant sein zu sehen, wie neue Technologien die Effizienz und Präzision in der Rechtsberatung weiter verbessern können.
Freuen würde ich mich vor allem über noch mehr Zuversicht und Mut, den Möglichkeiten der neuen Technologien und Organisationsformen positiv entgegenzutreten.

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Bild: Adobe Stock/©nuthawut
Stefan Schicker ist ein erfahrener Anwalt und Innovations-Experte mit über 20 Jahren juristischer Erfahrung und Verständnis von Technologie. Er ist bekannt für seine Fähigkeit, juristische Prozesse durch moderne Technologien zu optimieren. Als ehemaliger Geschäftsführer einer Top 50 Kanzlei (SKW Schwarz) und Vorstandsvorsitzender des Legal Tech Verbands bringt er tiefgehendes Wissen und praxisnahe Lösungen in die Rechtsberatung ein. Nutzen Sie seine Expertise, um Ihre Kanzlei zukunftssicher und effizient zu gestalten.