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Bricht ein neues KI-Zeitalter für die Rechtsbranche an?

Fünf Impulse von der Legal Revolution 2024

Von Verena Schillmöller

„Fünf Legal Revolutions und wir reden immer noch über digitale Transformation?“, wunderte sich Gründer und Veranstalter Dr. Jochen Brandhoff in seiner Eröffnungsrede der diesjährigen Legal Revolution in Nürnberg. Zum Glück, mag man fast entgegnen: Denn wäre die digitale Transformation schon erfolgreich in allen Kanzleien und Rechtsabteilungen angekommen, gäbe es wahrscheinlich auch die Legal Revolution mit ihren vielen spannenden Vorträgen und Workshops nicht mehr. Eines der Hauptthemen der diesjährigen Veranstaltung war, wie könnte es auch anders sein, das Thema Künstliche Intelligenz. Damit die digitale Transformation auch in Ihrer Kanzlei gelingt, teilen wir in diesem Beitrag fünf spannende Tipps und Impulse von der Legal Revolution.

1. KI wird den Rechtsmarkt verändern

„Generative KI ist ein echter Gamechanger“, stellte Georg Eisenreich, Bayerischer Staatsminister der Justiz, in seiner Keynote fest und nannte drei seiner Thesen zur Zukunft des Rechtsmarkt:

  1. KI wird den Rechtsmarkt verändern und den Zugang zum Recht vereinfachen.
  2. Die deutsche Justiz braucht Legal Tech und KI, gerade in Hinblick auf die bevorstehende Pensionierungswelle und den Fachkräftemangel an den Gerichten. Bereits jetzt laufen an deutschen Gerichten einige Pilotprojekte, die den Einsatz von KI in der Justiz testen. Ein Problem ist jedoch das fehlende Datenmaterial für das Training der KI-Tools. So werden z. B. in Deutschland viel zu wenige Urteile veröffentlicht.
  3. KI wird auch viele neue Probleme und Herausforderungen verursachen, die gelöst werden müssen. So können sich auch Kriminelle Künstliche Intelligenz zum Vorteil machen. Hier müssen von Justiz und Anwaltschaft klare Grenzen abgesteckt werden: Was wollen wir und was wollen wir beim Einsatz von KI nicht?

2. Compliance-Vorschriften müssen beim Einsatz von KI beachtet werden

Im Rahmen des Panels „KI-Lösungen, die Rechtsteams voranbringen und CFOs überzeugen“, ausgerichtet vom Legal Tech Colab, hatten drei KI-Start-ups die Gelegenheit, ihre Tools vorzustellen:

  • Trail: Das Tool bietet die Möglichkeit, KI-Governance zu operationalisieren und ermöglicht es Entwickler:innen und Unternehmen, vertrauenswürdige KI-Lösungen zu erstellen.
  • Certivity: Ziel des Tools ist es, die Verwaltung von Vorschriften intelligenter, transparenter und kostengünstiger zu gestalten.
  • Libra: Verwendet ein Sprachmodell, das in Deutschland gehostet wird und nach eigenen Angaben eine noch nie dagewesene juristische Genauigkeit bietet.

Bei der Implementierung von KI können viele Fehler gemacht und (unbeabsichtigte) Compliance-Verstöße begangen werden. Alle drei Start-up Gründer:innen waren sich einig, dass es dennoch wichtig ist, keine Angst vor KI zu haben. Wichtig sei nur, alle Schritte zu dokumentieren. Man könne sich KI wie einen sehr motivierten Mitarbeiter in der Kanzlei vorstellen, der aber „sehr schlampig“ sei.

Damit KI wirklich im Alltag von Jurist:innen ankommt, muss sich noch einiges ändern: Es muss mehr Zeit für die Einführung von KI-Modellen zur Verfügung stehen und Schnittstellen zu den bekannten Softwareanbietern müssen geschaffen werden. Auch das Mindset in vielen Kanzleien, die Veränderungen eher ablehnend gegenüberstehen, muss sich noch ändern – Stichwort Change Management.

3. Change Management bestimmt, wie erfolgreich ein (KI-)Projekt ist

Was ist eigentlich Change Management? Lena O’Brien, Legal Operations Managerin bei der Symrise AG, definiert Change Management für sich als „eine Herangehensweise an die Umsetzung von Projekten, bei der die Bedürfnisse aller Beteiligten miteinbezogen und Erkenntnisse der Psychologie genutzt werden, um Projekte erfolgreicher umzusetzen“. Damit Change Management gut funktioniert, nannte die Referentin drei Erfolgsfaktoren:

  1. Kommunikation: Während des gesamten Veränderungsprozesses ist es wichtig, mit allen Mitarbeitenden zu sprechen, sich Kritik anzuhören und Feedback einzuholen. Die Kommunikation sollte vom Management ausgehen.
  2. Leadership: Es ist wichtig, dass auch die Führungskräfte hinter dem Projekt stehen und dies den Mitarbeitenden vermitteln.
  3. Skillset: Den Mitarbeitenden müssen alle Fähigkeiten vermittelt werden, die sie brauchen, um z. B. mit dem neu eingeführten Tool umgehen zu können. Es muss auch festgelegt werden, an wen sich die Mitarbeitenden bei Problemen wenden können.

4. KI wird Jurist:innen nicht ersetzen. Aber Rechtsberatene, die mit KI arbeiten, werden die ersetzen, die dies nicht tun.

Diese These vertrat KI-Experte Dr. Daniel Halft bei seinem Vortrag: „Mehr Experimente wagen“. Seiner Ansicht nach wird Künstliche Intelligenz in Zukunft hauptsächlich administrative Aufgaben übernehmen, was dazu führt, dass sich Jurist:innen wieder mehr auf ihre eigentliche Beratungstätigkeit konzentrieren können. Er gab auch zu bedenken, dass Künstliche Intelligenz exponentiell wachse – d. h. Künstliche Intelligenz werde schneller besser als wir denken, weshalb es für Kanzleien umso wichtiger sei, schnell zu handeln. Anwälte und Anwältinnen sollten sich folgende Fragen stellen: Wie stellen wir uns neu auf? Wo liegt unser Mehrwert?

Abb.: Exponentielles Wachstum von Künstlicher Intelligenz

5. Bericht aus dem KI-Labor: Anwendungsmöglichkeiten von ChatGPT & Co in der Kanzlei

Eine Neuerung auf der Legal Revolution war das KI-Labor: Sechs KI-Expert:innen hielten hier nicht nur Vorträge, sondern gaben an verschiedenen Stationen auch direkt Hilfestellungen

beim Prompting und Experimentieren mit KI-Anwendungen wie ChatGPT. In einem Vortrag stellten die Expert:innen mögliche Einsatzbereiche von KI in Kanzleien und Rechtsabteilungen vor. So eignet sich ChatGPT bereits, um juristische Texte so umzuformulieren, dass sie auch für Laien verständlich sind. Des Weiteren wurden GPTs für die Rechtsbranche vorgestellt und gezeigt, wie ChatGPT zur Erstellung von Verträgen genutzt werden kann. Neben ChatGPT wurde auch das Tool Perplexity.ai live demonstriert, das insbesondere für die Informationssuche im Internet genutzt werden kann.

Fazit: Von Inspiration zu Implementierung

Wer sich gerne in entspannter Atmosphäre über die Themen Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in der Kanzlei oder Rechtsabteilung informiert, war auch in diesem Jahr bei der Legal Revolution genau richtig. Neben den Vorträgen gab es natürlich ausreichend Zeit, sich auszutauschen und an den Ständen der verschiedenen Anbieter neue (KI-)Tools kennenzulernen. Vielleicht schaffen ja dank des hilfreichen Inputs bis nächstes Jahr alle Kanzleien und Rechtsabteilungen die digitale Transformation. Da dies aber eher unwahrscheinlich erscheint, wurde vorsorglich schon einmal die Legal Revolution 2025 angekündigt. Wir sind gespannt, was sich bis dahin in der Welt der KI getan hat.

Bild: FFI-Verlag

Verena Schillmöller ist beim FFI-Verlag in den Bereichen Produktmanagement und Redaktion tätig. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Bereich Legal Tech.

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