Zwei Dinge sind in den letzten Monaten passiert, die den KI-Einsatz in deutschen Kanzleien von einer Frage der Neugier zu einer Frage der Compliance gemacht haben: Die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) hat im Dezember 2024 ihren Leitfaden „Hinweise zum Einsatz von künstlicher Intelligenz" veröffentlicht, der Deutsche Anwaltverein (DAV) im Juli 2025 seine Initiativ-Stellungnahme Nr. 32/2025. Und mehrere deutsche Gerichte haben 2025 anwaltliche Schriftsätze mit frei erfundenen Fundstellen gerügt. ChatGPT, Claude und Perplexity sind in Kanzleien angekommen – aber für welche Aufgabe taugt welches Tool, und was gilt beim Datenschutz?
1. Warum jetzt?
Die berufsrechtliche Orientierung ist inzwischen vorhanden. Der BRAK-Leitfaden (Dezember 2024) macht klar: KI-Nutzung in Kanzleien ist grundsätzlich erlaubt – aber die eigenverantwortliche Endkontrolle der KI-Ergebnisse ist zwingend, die Verschwiegenheitspflicht nach § 43a Abs. 2 BRAO gilt uneingeschränkt, und die berufsrechtlichen Sorgfaltsanforderungen nach § 43 BRAO steigen mit dem Automatisierungsgrad. Gleichzeitig warnt der Leitfaden ausdrücklich vor Halluzinationen.
Der DAV schlägt in seiner Stellungnahme einen pragmatischeren Ton an: KI sei „bei Beachtung technischer und vertraglicher Schutzmaßnahmen auch rechtlich unbedenklich." Er benennt acht konkrete Anwendungsfelder – von Recherche über Dokumentenanalyse bis zur Mandantenkommunikation – und gibt eine risikobasierte Orientierung für Datenschutz und Berufsrecht.
Drei weitverbreitete Tools dominieren derzeit die Praxis: ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic) und Perplexity. Alle drei sind nützlich – aber für unterschiedliche Aufgaben. Und alle drei stoßen bei verbindlicher Rechtsprechungsrecherche an Grenzen, die Anwältinnen und Anwälte teuer zu stehen kommen können.
2. Die drei Tools – kurz erklärt
ChatGPT (OpenAI)
ChatGPT ist der bekannteste KI-Assistent weltweit. Stärken liegen in der Texterstellung, Umformulierung, Strukturierung und – in den Geschäftsvarianten – in der Integration externer Dienste. Eine Websearch-Funktion ist verfügbar, muss aber je nach Nutzungsmodus explizit eingesetzt werden.
Was spricht dafür? Breites Fähigkeitenspektrum, sehr große Community mit Praxisbeispielen, für Entwürfe und Standardaufgaben schnell einsatzbereit.
Was spricht dagegen? Ohne aktiven Suchmodus kein Echtzeitzugriff auf das Web; bei juristischen Rechtsfragen mit konkretem Fundstellenbezug reales Halluzinationsrisiko (dazu mehr in Abschnitt 3, Aufgabe 3); kostenloser Tarif ist für Mandatsdaten berufsrechtlich nicht geeignet.
Kosten (Stand Juni 2026, Primärquelle openai.com): Free (kostenlos), Plus (20 USD/Monat), Business (25 USD/Nutzer/Monat jährlich, 30 USD monatlich; ab zwei Nutzern), Enterprise (Preisverhandlung über Vertrieb). Hinweis: OpenAI hat den Business-Seat-Preis Anfang April 2026 um 5 USD gesenkt; der hier genannte Wert entspricht dem aktuellen Stand.
Claude (Anthropic)
Claude fällt durch sorgfältigere, differenziertere Antworten auf – und neigt weniger dazu, einfach das zu bestätigen, was der Nutzer hören möchte. Das sehr große Kontextfenster macht es besonders stark bei langen Dokumenten: Urteile, Schriftsätze, Verträge lassen sich auch in Gänze einlesen.
Was spricht dafür? Starke Analyse- und Strukturierungsfähigkeit, vorsichtiges Vorgehen bei unsicheren Fragen, AVV nach Art. 28 DSGVO im Team-Tarif automatisch enthalten.
Was spricht dagegen? Kein nativer Echtzeit-Internetzugang im Direktzugriff über claude.ai; EU-Datenspeicherung ist nicht standardmäßig im Team-Tarif inkludiert (dazu mehr in Abschnitt 6).
Kosten (Stand Juni 2026, Primärquelle claude.com): Free, Pro (~20 USD/Monat), Team (20 USD/Seat/Monat jährlich, 25 USD monatlich; min. 5 Seats; AVV in Commercial Terms enthalten), Enterprise (individuell über Vertrieb).
Perplexity
Perplexity ist keine klassische KI im Chatbot-Sinne, sondern eine KI-Suchmaschine: Jede Antwort kommt mit Quellenlinks aus dem offenen Web. Das ist der entscheidende Unterschied.
Was spricht dafür? Quellenbasierte Antworten in Echtzeit, ideal für schnelle Hintergrundrecherche zu allgemeinen Rechtsfragen ohne Mandatsbezug, aktuellste Informationen.
Was spricht dagegen? Für Textarbeit und tiefe Analyse klar schwächer als ChatGPT oder Claude; erhebliche Datenschutzprobleme im Standard- und Pro-Tarif; für juristische Fondstellen-Recherche mit Verlässlichkeitsanspruch ungeeignet (dazu mehr unten).
Kosten (Stand Juni 2026, Primärquelle perplexity.ai): Free, Pro (~20 USD/Monat), Max (~40 USD/Monat), Enterprise Pro (40 USD/Nutzer/Monat jährlich; DPA enthalten).
3. Welches Tool für welche Aufgabe?
Aufgabe 1: Mandantenschreiben präziser und verständlicher formulieren
ChatGPT und Claude sind hier gleich gut geeignet. ChatGPT ist schneller und liefert auf Wunsch mehrere Tonvarianten nebeneinander. Claude formuliert etwas bedachtsamer, behält juristische Präzision besser und neigt weniger dazu, fachliche Nuancen zu glätten. Perplexity ist für Schreibaufgaben nicht konzipiert.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Sehr gut | Mehrere Versionen anfordern, beste auswählen |
| Claude | ✅ Sehr gut | Klare Tonvorgabe verbessert das Ergebnis |
| Perplexity | ⚠️ Eingeschränkt | Nicht für Texterstellung konzipiert |
Einschätzung: Für Mandantenschreiben, Begleitschreiben oder die Überarbeitung von Schriftsatzentwürfen in lesbares Deutsch sind beide Tools praxistauglich. Das Ergebnis muss fachlich geprüft werden – KI glättet nicht nur Sprache, sie kann dabei auch inhaltliche Nuancen verlieren.
Aufgabe 2: Rechtsbegriffe für Mandantschaft laienverständlich erklären
Claude ist hier die stärkere Wahl. Es tendiert weniger dazu, rechtlich relevante Einschränkungen wegzulassen, die beim Vereinfachen verloren gehen könnten. ChatGPT funktioniert gut, hat aber ein höheres Vereinfachungsrisiko.
Wichtig: Alle KI-Erklärungen zu Rechtsbegriffen müssen vor Weitergabe an Mandantinnen und Mandanten inhaltlich geprüft werden. Das gilt für beide Tools.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Gelegentlich zu vereinfachend |
| Claude | ✅ Sehr gut | Antworten ggf. kürzen; vorsichtiger als ChatGPT |
| Perplexity | ⚠️ Eingeschränkt | Liefert Quellen, erklärt aber wenig eigenständig |
Aufgabe 3: Recherche zu einer Rechtsfrage mit Quellenangabe
Das ist der kritischste Bereich – und der, in dem allgemeine KI-Tools am häufigsten versagen.
Das Halluzinationsproblem ist real und dokumentiert. Mehrere deutsche Gerichte haben 2025 anwaltliche Schriftsätze mit vollständig erfundenen Fundstellen zurückgewiesen:
- AG Köln, Beschl. v. 2.7.2025 – 312 F 130/25 (Familiensache): Ab Seite 8 des Schriftsatzes waren Fundstellen „offenbar mittels künstlicher Intelligenz generiert und frei erfunden" – falsch zugeordnete Kommentare, nicht existierende Randziffern, eine nicht auffindbare Monografie, erfundene Aufsätze und Entscheidungen (u. a. „OLG Frankfurt, FamRZ 2021, 70").
- LG Frankfurt a. M., Beschl. v. 25.9.2025 – 2-13 S 56/24: Frei erfundene wörtliche BGH-Zitate mit nicht existierenden Aktenzeichen – das Gericht sprach von „kompletten Fälschungen".
- OLG Celle, Beschl. v. 29.4.2025 – 5 U 1/25: Vier zitierte OLG-Entscheidungen (München, Frankfurt, Düsseldorf, Koblenz) – keine einzige war bei juris oder beck-online auffindbar.
Das ist kein Spezifikum schlechter Prompts. Die Stanford-Studie „Large Legal Fictions" (2024) misst Halluzinationsquoten von bis zu 88 % bei allgemeinen Sprachmodellen, die zu konkreten Gerichtsentscheidungen befragt werden. Selbst spezialisierte Legal AI-Tools (Lexis+ AI, Westlaw) halluzinieren noch in 17–33 % der Fälle.
Eiserne Regel: Jede von einer KI genannte Fundstelle – Aktenzeichen, Kommentar-Stelle, Zeitschriftenzitat – muss vor Verwendung in juris, beck-online oder dejure.org gegengeprüft werden. Nicht auffindbare Zitate sind zu streichen. Punkt.
| Tool | Eignung für Rechtsfragen | Hinweis |
| ChatGPT | ⚠️ Nur mit Quellenkontrolle | Erfundene Fundstellen möglich; Suchmodus reduziert, aber beseitigt das Risiko nicht |
| Claude | ⚠️ Nur mit Quellenkontrolle | Vorsichtiger im Ton, aber ebenfalls halluzinationsanfällig |
| Perplexity | ⚠️ Nur für allg. Web-Recherche | Liefert Links aus dem Web – keine juristischen Primärdatenbanken; für Rechtsprechungsrecherche ungeeignet |
Einschätzung: Für orientierende Hintergrundrecherche (Gesetzeslage, allgemeine Rechtsprinzipien, aktuelle Pressemitteilungen von BGH oder BVerfG) ist Perplexity nützlich. Für verbindliche Recherche mit Fundstellen gehören dedizierte Tools wie beck-online, juris oder Beck-Noxtua (KI-Assistenz auf Basis des beck-online-Bestands, EU-Hosting) an den Anfang – nicht ChatGPT oder Claude.
Aufgabe 4: Checkliste für eine Kanzlei-Richtlinie zur KI-Nutzung erstellen
Zwei der drei genannten Tools – ChatGPT und Claude – sind für diese Aufgabe geeignet. Claude berücksichtigt tendenziell sorgfältiger die berufsrechtlichen Dimensionen (§ 43e BRAO, § 43a BRAO, § 203 StGB, DSGVO/AVV). Das Ergebnis liefert eine gute Ausgangstruktur, ist aber immer mit den Primärquellen abzugleichen.
Empfehlung: BRAK-Leitfaden (Dezember 2024, brak.de) und DAV-Stellungnahme Nr. 32/2025 (anwaltverein.de) als Prüfrahmen verwenden; die KI-Checkliste daran messen, nicht umgekehrt.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Ergebnis bleibt oft strukturell, selten berufsrechtlich tiefgehend |
| Claude | ✅ Sehr gut | Berücksichtigt häufiger rechtliche Nuancen; lange Antworten nötig |
| Perplexity | ❌ Wenig geeignet | Nicht für Strukturierungsaufgaben konzipiert |
Aufgabe 5: Langes Urteil oder Schriftsatz zusammenfassen und in Handlungspunkte (inkl. Fristen) umwandeln
Claude hat hier einen klaren strukturellen Vorteil: Das sehr große Kontextfenster erlaubt es, auch lange Urteile, Berufungsschriften oder Vertragswerke in einem Schritt einzulesen und zu verarbeiten – ohne dass wichtige Absätze abgeschnitten werden. ChatGPT funktioniert bei mittleren Textlängen gut; bei sehr langen Dokumenten gehen Details verloren. Perplexity ist für diese Aufgabe nicht geeignet.
Wichtig: Fristen, Rechtsmittelbelehrungen und verfahrensrelevante Daten müssen im Original gegengeprüft werden. KI kann Fristen falsch berechnen oder übergehen – das Fristenmanagement bleibt Kanzleisache.
| Tool | Eignung | Hinweis |
| ChatGPT | ✅ Gut | Bei sehr langen Texten: Qualitätsverlust möglich |
| Claude | ✅ Sehr gut | Großes Kontextfenster; zuverlässig auch bei langen Dokumenten |
| Perplexity | ❌ Nicht geeignet | Keine Dokumentenanalyse |
Nächste Woche erfahren Sie in Teil 2, wie man die drei Tools sinnvoll kombiniert und was es in Sachen Datenschutz zu beachten gilt.






